Claude Code: was das Marketing als 'so gut, dass es gefährlich sein kann' verkauft, ist vor allem teurer

Software Agentic Engineering

Seit Anthropic® Opus 4.7 durch 4.8 und 5.0 ersetzt hat und das viel gepriesene Mythos™-Modell schliesslich als Guarded Fable™ auf den Markt gekommen ist, verkauft das Marketing dasselbe Wort: agentisch. So geschickt vermarktet, dass es an eigene Gefährlichkeit grenzt: der User glaubt sich beim besseren Werkzeug und merkt erst am Monatsende, dass er dieselbe Arbeit teurer bezahlt.

Zwei Punkte nerven besonders: Greenwashing, Ergebnisse werden als fertig gemeldet, sind es aber nicht, und autonomes Arbeiten, das den User ignoriert, der Agent macht, was er für richtig hält, nicht, was verlangt wurde. Beim Greenwashing hat sich zwischen 4.7 und 4.8 immerhin etwas getan, das Modell ist bei der Selbsteinschätzung ehrlicher geworden. Das autonome Ignorieren dagegen ist ein Fehlverhalten, das erst mit den agentischen Verbesserungen dazugekommen ist: 4.7 hat Anweisungen grundsätzlich besser befolgt, hatte dafür mehr sporadische Aussetzer. Man hat den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Dieses geänderte Verhalten ist offensichtlich nicht allein dem Modell zuzuschreiben, sondern auch Claude Code™ selbst: mittlerweile zeigt auch 4.7 etwas mehr diese Tendenz, Anweisungen zu ignorieren.

Das gemeinsame Bild

Quer über die neuen Modelle hinweg, in sieben Themenblöcken (eine kurze Internet-Zusammenfassung):

Kontrollverlust und autonomer Aktionismus

Kognitiver Zerfall und Amnesie

Agenten-Bürokratie

Endlosschleifen-Falle und halluzinierter Erfolg

Bevormundung und pädagogischer Eifer

Token-Inflation und Ressourcen-Verschwendung

Die ökonomische Quittung

Zu einer wirklich agentischen Arbeitsweise gehört meiner Meinung nach auch, dass man die eigene Arbeit reflektiert und sich eine zweite Meinung einholt. Genau so funktionieren erfolgreiche Teams: der Kollege liest den Code, findet die Ecken, die man selbst nicht mehr sieht, und schickt einen im Pair Programming, Refinement oder Code Review zurück auf Anfang. Ein Agent, der dieses Prinzip nicht in seinen eigenen Loop einbaut, ist nicht agentisch, sondern nur schnell.

Mehr Autonomie führt in der Praxis nicht zu mehr fertigen Ergebnissen. Sie führt zu mehr Aktionen pro Turn, was etwas völlig anderes ist. Der Zwischenstand wird als Erfolg gemeldet, der Code funktioniert am Ende trotzdem nicht, und jeder dieser Turns steht auf der Rechnung.

Fable™: durch die Sicherheitssperre unbrauchbar, und teurer

Fable ist das eigenwilligste Beispiel. In der Theorie schneller, günstiger, spezialisiert. In der Praxis fällt es bei realen Coding-Aufgaben permanent auf Opus zurück, sobald irgendetwas an den internen Safety-Filter grenzt. Bei Embedded Firmware, Bootloader, Krypto oder sicherheitsrelevanten Registern ist “irgendetwas” schnell erreicht. Der User zahlt dann den Opus-Preis für den Turn plus die Fable-Vorleistung, die ins Nichts lief. Am Ende der Session liegt der Rechnungsposten deutlich über dem, was der gleiche Task auf reinem Opus 4.8 gekostet hätte. Wo Fable durchläuft, ist es qualitativ nicht spürbar besser als Opus 4.8. Bei 3D-Arbeiten ist es nach eigenem Eindruck etwas besser als die anderen Modelle.

Blind Spots

Zwei grosse Blind Spots bleiben modellübergreifend, und Anthropic sollte sie unbedingt angehen:

Fool with a tool

Es gibt einen alten Satz in der Werkzeug-Welt: a fool with a tool is still a fool. Er war immer als Warnung an den Anfänger gedacht: das Werkzeug ist neutral, die Verantwortung liegt beim Menschen, und der Meister erkennt seine Verantwortung am Ergebnis.

Der neue Claude Code Umgang kehrt den Satz auf eine bittere Weise um: a skilled user with this tool is treated as a fool. Aus der Warnung an den Nutzer ist eine Vorannahme über den Nutzer geworden. Der erfahrene Entwickler, der genau vorgibt, welche Library und welche Klasse verwendet werden soll, der den Algorithmus im Detail spezifiziert, der die Schnittstelle sauber beschreibt, und dann im Code Review feststellt, dass das Modell etwas ganz anderes gebaut hat, bekommt trotzdem die volle Autonomie-Kanone. Senior und Junior werden gleich behandelt, aber immer auf dem Niveau des Anfängers, dem man vorsichtshalber ein paar Extra-Schritte abnimmt und im Zweifel eine Sicherheitswarnung dazu serviert. Die Erfahrung des Nutzers spielt keine Rolle mehr, sein Prompt ist bestenfalls ein Vorschlag, den das Modell prüft und im Zweifel überschreibt. Anthropic hat den User offensichtlich als Fehlerquelle identifiziert und optimiert das Modell so, dass es ihn möglichst umgeht. Prompt-Guides, Skill-Frameworks und “loop engineering” Tutorials sind Ausdruck derselben Prämisse: wenn du das gewünschte Ergebnis nicht bekommst, hast du falsch gefragt.

Der ehrliche Satz

Die neuen Modelle sind nicht besser für den User. Sie sind besser für den Umsatz pro User. Das darf man so sagen, ohne Anthropic-feindlich zu sein: es steht am Monatsende auf der Rechnung.

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